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Dr. Martin Hüfner

Martin Hüfner ist Volkswirt und Publizist.Er war viele Jahre Chefvolkswirt bei der HVB und Senior Economist bei der Deutschen Bank. Heute berät er verschiedene Finanzdienstleister in Deutschland, der Schweiz und Österreich und schreibt in verschiedenen Publikationen.


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Der Euro wird vier – Erwachsen ist er noch nicht

Können Sie sich noch erinnern, wie viel eine Pizza bei Ihrem Italiener vor vier oder fünf Jahren gekostet hat? Ich vermute nicht. Ich kann mich auch nicht mehr daran entsinnen. Wenn wir trotzdem eine Antwort geben sollen, dann müssen wir schätzen. Wir nehmen schnell den heutigen Preis, sagen wir 6,50 Euro, und sagen, dass das in etwa dem damaligen DM-Preis entspreche.

Was sagt uns das? Das Erste: Wir denken heute nicht mehr in D-Mark, sondern in Euro. Wir haben uns schon fest an die neue europäische Währung gewöhnt. Sie gehört zu unserem Leben. Wir nehmen die Umrechnung in D-Mark nur noch bei Gütern vor, die wir selten kaufen und bei denen wir noch kein richtiges Preisgefühl in Euro entwickelt haben. Vielleicht bei Autos, bei Mieten oder beim Strom. Und wir ziehen den Vergleich mit der D-Mark dann heran, wenn wir uns richtig ärgern. Die heutigen 6,50 Euro, das sind doch 13 DM, ist das nicht Wucher?

Das zweite: Das, was wir mit dem Euro gefühlsmäßig wirklich verbinden, ist nicht die neue bequeme Währung, sondern die Tatsache des „Teuro“. Alles, so denken wir, ist durch den Euro teurer geworden. Vielfach haben wir den Eindruck, als seien die Euro-Preise heute nicht mehr anders als die damaligen DM Preise. Nur unser Gehalt ist halb so hoch wie damals. Vor kurzem las ich von einer Umfrage, dass immer weniger Menschen in den neuen EU-Mitgliedsstaaten Mittel- und Osteuropas den Euro wollen, weil damit alles teurer würde.

Das Gespenst des Teuro wird so schnell nicht verschwinden. Es ist eine Kinderkrankheit der neuen europäischen Währung, deren Narben nur schwer verheilen. Der frühere Bundesbank-Präsident Tietmeyer – der letzte, der noch richtig Geldpolitik für Deutschland gemacht hat – sagt in seinem Buch über den Euro, dass „das Teuro-Gefühl erst nach einer längeren Gewöhnungsperiode abgebaut werden kann, insbesondere dann, wenn der alltägliche Vergleich mit der früheren nationalen Währung nachlässt.“

So ungerecht ist die Geschichte. Tatsächlich ist der Euro ja nicht schlecht, sondern im Gegenteil eine der besten Währungen, die wir in Deutschland gehabt haben:

  • Er ist stabil, die wichtigste Anforderung, die man an eine Währung stellen muss. Seit der Einführung des Euro sind die Lebenshaltungskosten in Deutschland kaum mehr als 2% pro Jahr gestiegen, und das trotz der drastischen Verteuerung von Öl, Benzin und Gas. In den fünfzig Jahren der D-Mark stiegen die Preise im Schnitt um 3 ½%. Allerdings wurde damals auch in unseren Nachbarländern stärker inflationiert.
  • Sie ist die meistgefragte Währung der Welt. Ihr Wechselkurs hat sich – abgesehen von einer schwierigen Übergangsperiode, während der es den Euro aber noch gar nicht als Bargeld gab – gegenüber vielen Währungen der Welt aufgewertet. Ihr Anteil an den internationalen Finanzmärkten liegt heute bei 30 bis 40% gegenüber 50 bis 60% Marktanteil des US-Dollar. Der Euro ist unbestritten die Nummer 2 in der Welt.
  • Sie hat eine Zentralbank, die sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens ein Renommee wie die alte Deutsche Bundesbank erworben hat. Kein Mensch zweifelt heute daran, dass Herr Trichet und seine Kollegen im Euro-Tower in Frankfurt alles tun, die Stabilität unserer Währung zu wahren. Die Europäische Zentralbank ist gemessen an Strategie und Instrumenten eine der modernsten Notenbanken der Welt, zum Teil noch besser als die amerikanische Notenbank.
  • Sie macht das Reisen für die Deutschen, die ja immer noch Weltmeister im Tourismus sind, bequemer als je zuvor. Wer zum Skifahren nach Österreich fährt, braucht nicht vorher Geld zu wechseln oder die Liftgebühren umzurechnen.
  • Sie hilft den Unternehmen, die jetzt nicht mehr so große Wechselkursunsicherheiten haben. Ohne den Euro wäre die Arbeitslosigkeit in Deutschland vermutlich noch höher. Wie hätte es in vielen Firmen ausgesehen, als sich der Dollar so stark abwertete, wenn dann auch noch die Lira und der Franc schwach geworden wären?

Das ist eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Sie ist besser, als sie selbst Optimisten vor vier Jahren erwartet hatten. Also alles in Butter? Nein, natürlich nicht. In der Geschichte gibt es nichts, was nur gut ist. Es muss ja auch immer noch etwas da sein, was man besser machen kann.

Wo liegen die Defizite (abgesehen natürlich vom „Teuro“)? Wenn man die vergangenen vier Jahre würdigt, fällt zunächst auf, dass es für unsere Wirtschaft insgesamt keine guten Jahre waren. Das Wachstum war niedrig, die Arbeitslosigkeit hoch, die Sozialsysteme ächzten und dem Verbraucher blieb real häufig ein Kaufkraftverlust. Es wäre aber ungerecht, das dem Euro in die Schuhe zu schieben. Es liegt vielmehr daran, dass wir wichtige Strukturveränderungen verschlafen haben. 

Die Finanzpolitik hat sich noch nicht an die Bedingungen der neuen Währung gewöhnt. Gegen die Maastricht-Kriterien wird heute mehr verstoßen als zur Zeit der Euro-Einführung. Aber auch das ist nicht die Schuld des Euro. Freilich muss es dringlich geändert werden, sonst droht der neuen Währung eine Bruchlandung.

Wir haben noch keine wirkliche gefühlsmäßige Bindung an den Euro. Wir haben ihn im Portemonnaie, wir zahlen damit, wir reisen damit, aber ich habe noch von niemandem gehört, dass er den Euro liebt. Das war bei der D-Mark anders. Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir die D-Mark auch erst geliebt, als sich abzeichnete, dass sie durch den Euro ersetzt würde. Währungen müssen auch gar nicht geliebt werden. Sie müssen ihren Zweck erfüllen und den Menschen Vertrauen geben.

Und schließlich: Wir haben keine nationale Geldpolitik und keine „deutschen Zinsen“ mehr. Die Zinsen werden nicht mehr gesenkt, wenn es Deutschland schlecht geht, sondern nur wenn ganz Europa schwach wird. Das ist bisweilen schade, vor allem dann, wenn Deutschland Schlusslicht in Europa ist. Aber es ist nun mal der Preis für die Gemeinschaft in der EU. Das Klagen über die fehlenden nationalen Handlungsspielräume kommt mir ein bisschen vor wie der glücklich verheiratete Familienvater, der manchmal denkt, wie schön es doch war, als er mit seinen Kumpels noch allein zum Fußball gehen konnte.

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